Trommelnder Regen im Mathare Valley Slum

Ein Bericht von Thomas Gehrig über seinen Einsatz in Nairobi, Kenia

Nach Tagen der Arbeit in unserem Projekt war ich gestern und heute im Mathare Valley Slum unterwegs, um unserer „Social-Nurse“ Rose zu helfen und ihr bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Trotz medizinisch geschultem Blick, überwiegt in der Nachempfindung und im Nachdenken immer wieder das Staunen, das Entsetzen und das Fragen über Gründe der sozialen Kluft, die sich hier vor meinen Augen auftut.

Lebensbedingungen im Slum

Lebensbedingungen im Slum

Wir starten gegen Mittag. Die Gassen, Durchgänge, Winkel und Eingänge sind für einen Europäer zumindest beim ersten und zweiten Hinschauen nicht zu erfassen. Überall Treiben, Kleinsthandel, Kochen, Waschen, Kinder, immer wieder Kinder auf der Straße. Rose sagt, bei Nacht ist es hier für alle, aber besonders für Weiße viel zu gefährlich. Die Kinder lachen, spielen mit Blechdosen. In den offenen trüben Kanälen lassen sie Schiffe mit und gegen den Strom schwimmen. Überall Unrat, Schmutz, die Luft riecht süßlich-faulig, die Kinder fassen mich an, erstaunt Haut mit weißer Farbe zu fühlen. Männer sitzen beim Hütchenspiel neben Teigfladen, die in Öl ausbacken, hin und wieder auch trockenes Gemüse oder Trockenfisch (aus dem Victoriasee, wie auch immer hier hergekommen und Fett triefend).

Die Sonne sticht. Rose wirkt mit einer Größe von 160 cm und ihrem Gewicht wie die Mamma von Mathare. Sie hält an allen Ecken, hier ein Schwätzchen, da eins auf Suaheli. Sie ist beliebt. Wir treten ein in eine Hütte. Rose hat zuvor angeklopft. Im Inneren ist es dunkel, feucht, stickig, die Blechwände halten den Regen, den wir hier zurzeit Tag und Nacht haben (große Regenzeit) nicht stand. Der Raum, 3 m auf 3 m, enthält einen kleinen Tisch und ein paar Stühle. Alles so, dass es bei uns nicht mal den Spermüll beeindrucken könnte. Hier lebt Mathilde, 28 Jahre jung, mit ihrem Mann Augusto. Sie haben vier Kinder. Im Raum gibt es ein Bett mit fauliger Matratze. Alle Kinder schlafen auf dem Boden. Hier decken ein paar Linoleumfetzen nebst Pappe den nassen Untergrund. Das Valley wird täglich durch den Regen geflutet. Der Regen prasselt auf die Blechdächer. Regnet es nachts, bleiben alle wach, denn man hört sonst die Einbrecher nicht. Das Trommeln des Regens übertönt alles.

Mutter Mathilde und Vater Augusto sind HIV-positiv. Sie sind bei uns im Programm eingeschrieben und bekommen Anti-Retrovirale Medikation. Doch die Einnahme der Medikamente muss kontrolliert werden. Drei der Kinder sind HIV-negativ; die älteste, 12-jährige Tochter ist HIV-positiv. Sie kommt in das Alter, in dem hier Paare entstehen. Sie wird von Rose in aller Ruhe aufgeklärt, nur mit Kondom Geschlechtsverkehr zu haben. Wir nehmen ein paar notwendige Blutproben zur Überwachung der HIV-Therapie und verabschieden uns.

Mathilde weiß nicht, was sie kochen soll. Sie hat kein Geld, Augusto verdient nichts. Zwei ihrer Kinder sind im „Feeding-Programm“ der German Doctors und erhalten von uns Plumpinut – ein kalorienreicher Mix mit Vitaminen.

Spielende Kinder

Spielende Kinder

Zehn solcher Besuche an einem Nachmittag, zehn verschiedene Schicksale, unterschiedliche Familienkonstellationen (bis hin zu AIDS-Vollwaisen). Es lässt mich nicht los, ich schlafe die Nacht schlecht. Es ist heiß und feucht. Ich bin froh als noch vor Sonnenaufgang der Wecker klingelt. Warum frage ich mich, warum ist die Welt so ungerecht verteilt? Eine Antwort finde ich nicht. Es ist wohl wie es ist. Ein Morgenlauf im Sprühregen erfrischt. Ein neuer Tag wartet.

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Bericht aus Dhaka – Über das Schicksal des kleinen Raju

Ein Bericht von Christoph Niederberger über seinen Einsatz in Dhaka, Bangladesch

Die Ambulanz der German Doctors im Slum Kilgoan 2

Die Ambulanz der German Doctors im Slum Kilgoan 2

Diese erste Woche, die ich mit Ärzte für die Dritte Welt in Dhaka erlebte stand für die Bevölkerung hier ganz im Zeichen des überaus tragischen Einsturzes des neunstöckigen Kleiderfabrikgebäudes 30 km außerhalb von Dhaka, mit bisher über 550 geborgenen Toten und noch sehr vielen vermissten Personen. Dieser Schock war in diesen Tagen auch in der Sprechstunde in den Armenvierteln und Slums von Dhaka, welche medizinisch von den  German Doctors versorgt werden, spürbar. Viele unserer Patienten und Patientinnen arbeiten selber in der Textilindustrie, der bei weitem bedeutendsten Exportbranche des Landes. Die schlechten Arbeitsbedingungen, meist 12 Stunden pro Tag bei miserabler Entlohnung mit immer denselben monotonen Tätigkeiten, führen häufig zu Schmerzen am Bewegungsapparat und stellen für etliche Patienten und Patientinnen auch eine psychische Belastung mit entsprechenden Beschwerden dar. In diesen Situationen sinnvolle Hilfe bieten zu wollen, lässt einen rasch die Grenzen des hier medizinisch Machbaren erfahren. Empfehlung für Arbeitsplatzwechsel, Verbesserung der Work-Life-Balance oder Weiterweisung zu einer psychosomatischen Betreuung funktionieren hier nicht. Wir können ihnen lediglich ein paar Schmerztabletten, die Empfehlung für eine gelegentliche Massage durch ein Familienmitglied und den Ratschlag, sich während der Arbeit immer mal wieder nur für ein paar Sekunden von der Nähmaschine zu erheben und den Rücken durchzubewegen, geben. Wenn dies aus unserer Sicht auch nicht viel ist und einem die eigene Hilflosigkeit immer wieder spüren lässt, so ist es dennoch erstaunlich, wie sehr es gerade diese Patientinnen und Patienten ungemein schätzen, dass sich überhaupt jemand ihre Beschwerden, Sorgen und Nöte anhört und zumindest versucht, ihre Misere etwas zu lindern. Die Dankbarkeit und Herzlichkeit unserer Patientinnen und Patienten uns gegenüber ist unbeschreiblich und lässt uns immer wieder spüren, dass man hier etwas Sinnvolles macht.

Slum Gandaria entlang der Bahngeleise, auf welchen ca. halbstündlich Züge durchbrausen

Slum Gandaria entlang der Bahngeleise, auf welchen ca. halbstündlich Züge durchbrausen

Die durch die German Doctors in Dhaka medizinisch betreuten Slumbewohner, die unter unvorstellbaren Bedingungen häufig entlang der Bahngeleise hausen, kämpfen tagtäglich darum, einigermaßen genügend Nahrung für sich und ihre Kinder auf den Tisch zu bringen (falsch! Einen Tisch haben alle diese Leute nicht; in ihren Slumhütten finden sich keine Möbel-stücke).

Der Spielplatz dieser Kinder im Slum Kilgoan 2 sind ebenfalls die Bahngeleise

Der Spielplatz dieser Kinder im Slum Kilgoan 2 sind ebenfalls die Bahngeleise

Immer wieder mangelt es ihnen an Geld für die Nahrungsbeschaffung, so wie der 17-jährigen Rima, die mit ihrem Mann, einem Teeverkäufer und ihren kranken Schwiegereltern in den Straßen von Dhaka lebt. Sie gebar im November 2012 ihren ersten Sohn Raju, konnte ihn aber aus gesundheitlichen Gründen nicht stillen. Da das minimale Einkommen des Mannes nie und nimmer dazu ausreichte, genügend Säuglingsmilch zu kaufen, versuchte sie mit stark verdünnter normaler Milch und Reiswasser den Jungen über die Runden zu bringen. Anfang März wurde der inzwischen fünf Monate alte Raju krank. Er begann zu husten und hatte Fieber, weshalb sie sich erstmals in der Slum-Ambulanz der Ärzte für die Dritte Welt meldete. Die erhebliche Mangelernährung des 3,4 Kilogramm leichten Jungen wurde augenblicklich erkannt und Rima wurde mit ihrem Sohn in die „Feeding-Station“ der German Doctors aufgenommen. Ganz erfreulich legte er unter adäquater Ernährung innerhalb von 10 Tagen um ein Kilogramm auf 4,4 Kilogramm, zu. Die Mutter wurde während dieser Zeit genau instruiert, wie sie ihren Jungen ernähren sollte und sie war zuversichtlich, dass sie es nun schaffen sollte. Allein, sie scheiterte rasch wieder an der Realität des Alltags: das äußerst spärliche Einkommen des Mannes reichte nach wie vor nicht, um die vierköpfige Familie und das Kleinkind zu ernähren (Die Säuglingsmilch kostet pro Woche 1100 Taka = 11 €, dies ist mehr als das wöchentliche Einkommen der Familie!). Am 28. April meldete sich Rima wieder in unserer Ambulanz, da es ihrem Sohn nicht gut gehe. Sie realisierte wohl selber, dass Raju eigentlich nicht krank war, sondern sie ihn einfach nicht genügend ernähren konnte und er deswegen wieder auf 3,7 Kilogramm abgenommen hatte.

Raju war an diesem 28. April einer meiner ersten Patienten und ließ mich mit aller Wucht erkennen, dass es in diesem Projekt um mehr geht als nur um eine ärztliche Sprechstunde für Benachteiligte, die sonst kaum einen Zugang zu einer basismedizinischen Versorgung haben. Es geht vor allem auch darum, zu versuchen, diesen Benachteiligten, um die sich sonst eigentlich gar niemand kümmert, beizustehen und mit ihnen nach Lösungen in ihrem tagtäglichen Kampf ums Überleben zu suchen.

Raju mit seiner Mutter nach sechs Tagen in der „Feeding-Station“

Raju mit seiner Mutter nach sechs Tagen in der „Feeding-Station“

Raju wurde erneut in die „Feeding-Station“  aufgenommen und er gedeiht prächtig: nach sechs Tagen adäquater Ernährung bringt er 4,4 Kilogramm auf die Waage. Jetzt folgt aber der schwierigere Teil: einen Weg zu finden, wie er auch zuhause eine geeignete und ausreichende Ernährung erhalten kann.

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Ein Leben zwischen Müllbergen – Einsatz der German Doctors auf Cebu

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Cebu-City, die ca. eineinhalb Millionen Einwohner zählende Metropole auf der gleichnamigen Insel präsentiert sich im Internet als moderne aufstrebende Metropole mit großen Hotels, Hochhäusern, modernen Einkaufstempeln, dem größten Hafen der Philippinen und einem enormen Wirtschaftswachstum, besonders im IT- Bereich. Seit nunmehr fünf Wochen arbeite ich hier für die German Doctors und erlebe ein völlig anderes Cebu mit unzähligen Slums, Straßenkindern, ganzen Familien, die auf der Straße, Friedhöfen oder Müllhalden leben.

Blick auf das Slumgebiet von Maharlika

Blick auf das Slumgebiet von Maharlika

Wenn ich früher in Afrika an den Slums vorbeigefahren bin, habe ich immer nur die anonymen Wellblechdächer der Hütten gesehen, doch jetzt bin ich mitten drin. Mit einer „Rolling Clinic“ fahren wir täglich zu zwei unserer unterschiedlichen Standorte. In den Slums sind meist kleine offene Kapellen unsere Sprechzimmer, aber wir arbeiten auch unter Zeltdächern und sogar in einem richtigen Mausoleum auf einem Friedhof.

Wartende Patienten vor einer kleinen Kapelle im Slumgebiet Sawsawan

Wartende Patienten vor einer kleinen Kapelle im Slumgebiet Sawsawan

Zuerst sind immer die Mütter mit ihren kleinen Kindern dran, manchmal bringen sie gleich drei davon mit Husten, Durchfall oder Hautkrankheiten mit. Erwachsene kommen ebenfalls mit Husten oder Hauterkrankungen, aber auch mit Diabetes und Hypertonie. Erstaunlicherweise gibt es hier kaum Herzinfarkte, dafür aber umso mehr Schlaganfälle bei bereits jungen Patienten. Bei zwei Patienten behandle ich einen diabetischen Fuß. Hoffnung auf Heilung hatte ich am Anfang kaum. Beide waren zuvor im Krankenhaus und ihnen sollte der Fuß amputiert werden. Sie haben daraufhin das Krankenhaus verlassen und sind zu uns gekommen. So wie es jetzt ausschaut, sind beide Füße gerettet und dass nur mit ganz einfachen Mitteln und unter unmöglichen hygienischen Verhältnissen. Beide strahlen mich jedes Mal an, wenn sie kommen und sind super glücklich.

Zu unseren Einsatzorten gehören neben fünf Slumgebieten vier Müllhalden, ein chinesischer Friedhof, ein Drop-in-Center, wo wir Obdachlose und Straßenkinder betreuen und ein Bergdorf etwas außerhalb von Cebu.

Seit 14 Jahren lebt die Familie mit vier Kindern auf dem chinesischen Friedhof in dieser Gruft

Seit 14 Jahren lebt die Familie mit vier Kindern auf dem chinesischen Friedhof in dieser Gruft

Außerdem sind wir alle zwei Wochen bei den Badjaos. Das sind besonders arme Fischer einer ethnischen Minderheit, die ihre Hütten direkt ins Meer bauen und auch eine andere Sprache sprechen. Da brauchen wir gleich zwei Dolmetscher und es ist ein hin und her bis eine Diagnose steht.

Einladung in eine Hütte bei den Badjaos

Einladung in eine Hütte bei den Badjaos

Überall erlebe ich sehr viele unterernährte Kinder. Sie wiegen teilweise kaum fünf Kilogrammund sind schon über ein Jahr alt. Nur die kleinen, teilweise faltigen Gesichter lassen erkennen, dass es keine Säuglinge mehr sind. Mühevoll versuchen wir sie mit Nutipac, einer Mischung aus gemahlenem Reis und Mungobohnen aufzupäppeln. Doch immer wieder kommen sie mit Durchfall und Atemwegerkrankungen und jeder Erfolg ist zunichte gemacht.

14 Monate altes Kleinkind mit Unterernährung und gleichaltriges, normal entwickeltes Kleinkind

14 Monate altes Kleinkind mit Unterernährung und gleichaltriges, normal entwickeltes Kleinkind

Ich betreue u. a. ein Zwillingspärchen von 17 Monaten. Beide wiegen gerade einmal 6,5 Kilogramm und sind 66 bzw. 68 Zentimeter groß. In all den Wochen ist es mir nicht gelungen, trotz fast durchgängiger Antibiotikagabe, eine schwere Lungenentzündung beider Kinder zu heilen. Die Kinder husten ununterbrochen; es ist schwer mit anzusehen, wie sie leiden. Ich versuche immer wieder die Mutter zu überzeugen, dass sie mit den Kindern in eine Klinik muss, aber da sind noch acht weitere kleine Geschwister. Niemand ist da, der diese in der Zwischenzeit betreuen kann. Der Vater muss arbeiten, sonst hat die Familie nichts zu essen. Als sie eine Woche nicht kommen, mache ich mir Sorgen und wir machen einen Hausbesuch. Wir halten vor einer winzigen Bretterbude, die mich an den Hühnerstall meiner Kindheit erinnert. Die Bretter waren aber damals besser und dicht, dass hier ist nur notdürftig zusammen gezimmert. Ich schätze die Größe der Hütte auf 2,5 x 2,5 Meter. Wir können durch das Fenster direkt hineinsehen. Ein Bett, zwei Regale, ein winziger Tisch, eine Uhr und ein paar Bilder an der Wand und hängende Wäsche. Drei Kinder liegen auf dem Linoleum auf einer ganz dünnen einlagigen Bastmatte; ein kleines Kind liegt auf dem Bett und alle schlafen fest. Die Mutter und ihre älteste Tochter sind beim Wäschewaschen auf dem Hof und eines der Zwillinge steht in einem Wagen daneben. In dieser Hütte leben 12!!! Personen. Ich möchte ihre Privatsphäre nicht verletzen und mache kein Foto. Aber der Anblick prägt sich mir ein. Jedes Mal, wenn wir zu den auf den Müllhalden lebenden Filipinos fahren, habe ich einen dicken Kloß im Hals.

Leben auf der Dumpsite von Umapad

Leben auf der Dumpsite von Umapad

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Der weiße Tod – Geißel der armen Leute

Ein Bericht von Tobias Vogt über seinen Einsatz in Kalkutta, Indien.

Tania Routh ist fünf Jahre alt und lebt in einem innerstädtischen Slum von Kalkutta. Seit einigen Wochen hustet sie und will immer weniger Nahrung zu sich nehmen. Seit Wochen hat sie auch jede Nacht Fieber. Sie verliert kontinuierlich an Gewicht und wird immer schwächer. Ihre Eltern stellen sie einem der Heilpraktiker des örtlichen Slums vor. Der Heilpraktiker ist dort aufgewachsen und kennt die Nöte der Menschen im Slum genau. Er gehört derselben Religion an wie die Familie und seine Muttersprache ist derselbe Dialekt, derjenige der Landflüchtigen aus dem Nachbarbundesstaat Bihar. Ein Heilpraktiker verlangt nur einen Bruchteil des Honorars, das die qualifizierten Ärzte der Stadt forden. Qualifizierte Ärzte würden sich in einem solchen Slum schon gar nicht niederlassen. Die Menschen wissen genau, dass der Heilpraktiker mit seiner Diagnose oft daneben liegt und vor allem Hustensaft und Vitamine verschreibt, aber er ist nun mal ihr erster Ansprechpartner. Krankenversichert ist ja niemand in dem Slum, so dass man darauf achten muss was die Haushaltskasse hergibt wenn jemand krank wird. Leider helfen die Medikamente des Heilpraktikers bei Tania nicht. Sie wird immer schwächer und dünner und kann sich bald kaum noch auf den Beinen halten.

Das Viertel in dem Tanias Familie lebt

Das Viertel in dem Tanias Familie lebt

Tanias Familie bringt ihre Tochter nun zu einer Armenambulanz der German Doctors. Viele aus dem Viertel kommen zu uns, wenn die Behandung eines Heilpraktikers fehlschlägt. Die German Doctors, sieben deutsche Ärzte der Hilfsorganisation Ärzte für die dritte Welt, sind seit 30 Jahren eine Institution in Kalkutta und eine beliebte Anlaufstelle für alle, die krank sind und jeden Pfennig herumdrehen müssen. Der Nachteil ist, dass man dort lange anstehen muss. Jeden Tag stellen sich rund 300 Patienten an;viele Patienten kommen von weit her. Man muss schon früh vor Ort sein, am besten um 5 Uhr morgens, um eine gute Chance zu haben überhaupt dranzukommen, denn oft können die German Doctors bis abends nicht alle Patienten sehen, die sich bei ihnen anstellen. Der Vorteil der German Doctors ist, dass alle Untersuchungen für die Patienten und die Behandlung kostenlos sind.

Tania bei ihrer Erstvorstellung bei den German Doctors

Tania bei ihrer Erstvorstellung bei den German Doctors

Nach sechs Stunden Wartezeit in der Patientenschlange auf einem staubigen trostlosen Platz inmitten des Slums, ohne Sitzmöglichkeit vor einer alten umfunktionierten Hühnerfarm, kommt Tania in der Ambulanz der German Doctors endlich dran. Sie wird einem deutschen Arzt vorgestellt, der den Dienst in Kalkutta seit zehn Jahren tut. Tania wird gründlich untersucht und ihre Lunge wird geröntgt. Noch am selben Tag steht die Diagnose fest: es ist die Tuberkulose, die jahrhunderte alte Seuchenkrankheit der armen Leute aller Länder weltweit. Der weiße Tod wird diese Seuche auch genannt, so weiß  und leblos wie die von einer Tuberkulose zerstörte Lunge im Röntgenbild. Es ist gerade einmal 100 Jahre her, dass die Tuberkulose in Deuschland die Haupttodesursache der Erwachsenen war. Das hat sich in Deutschland mittlerweile gründlich geändert, aber nicht in Indien. Anderthalb Millionen Menschen erkranken in Indien jedes Jahr neu an der Tuberkulose und 350.000 Menschen sterben dort jedes Jahr an dieser eigentlich sehr gut behandelbaren Krankheit. Die Tuberkulose trifft zielgenau die Armen, denn in den Baracken und Hütten, in denen sie leben, kann sich das auslösende Bakterium am besten ausbreiten. Und mit jedem Familienvater, der in den Armenvierteln an Tuberkulose stirbt, sterben auch die sozialen Chancen seiner Frau und der Kinder der Familie.

Die German Doctors haben noch viele andere Kankheiten der armen Leute Kalkuttas zu behandeln als nur Tuberkulose. Aber aus ihrer Erfahrung heraus wissen sie um die wichtigsten Seuchenkrankheiten der Armenviertel und haben längst Strukturen aufgebaut, die speziell für Tuberkulose-Kranke da sind. Dazu gehören zwei eigene Tuberkulose-Krankenhäuser für die schwerkranken Tuberkulose-Patienten. Eins davon, das „Pushpa Children Home“, ist ausschließlich für Kinder mit Tuberkulose da. Daneben unterhalten die German Doctors zahlreiche Stadtteil-Tuberkulose-Zentren in den etwas verstreut liegenden großen Slums der Stadt, in denen diejenigen Tuberkulose-Patienten behandelt werden, die laufen können und lieber ambulant behandelt werden möchten. Dies alles wird aus Spenden aus Deutschland bezahlt. In Kalkutta werden alle Tuberkulose-Patienten kostenlos behandelt.

Tania wird stationär im Kinder-Tuberkulose-Krankenhaus “Pushpa Home“ aufgenommen. Dort stehen dreißig Betten in einem großen Saal, und in jedem liegt ein Kind mit schwer verlaufender oder komplizierter Tuberkulose. Das Krankenhaus ist sehr sauber und die Kinder werden liebevoll und gemäß aktuellem medizinischen Wissen behandelt. Tania geht es bald besser und sie beginnt gewaltige Mengen zu essen und alles nachzuholen, was ihr in den Monaten der Krankheit versagt war. Ihre Behandlung wird sechs Monate dauern. Dann werden die Tuberkulosebakterien ein für alle mal aus ihrem Körper vertrieben sein.

Tania nach den ersten zwei Behandlungswochen im Tuberkulose-Krankenhaus der German Doctors

Tania nach den ersten zwei Behandlungswochen im Tuberkulose-Krankenhaus der German Doctors

Der deutsche Arzt besucht Tania ab und zu in dem Kinder-Tuberkulose-Krankenhaus und freut sich an ihren Fortschritten. An der sichtlichen Gewichtszunahme und an dem ersten Lächeln des bis dahin todernsten und verschlossenen Kindes. Der Arzt hat unzählige Schicksale von Tuberkulose-Patienten miterlebt, darunter auch die von Patienten, Erwachsenen wie Kindern, die erst zu einem Zeitpunkt zu den German Doctors kamen, an dem ihnen nicht mehr geholfen werden konnte. Ihre Umwege durch die medizinischen Institutionen der Armenviertel und Fehldiagnosen von Heilpraktikern waren allzu häufig Ursache dafür, dass die Krankheit nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war. Der Arzt hat vielen hundert jungen Menschen, denen schon bei ihrer Erstvorstellung bei den German Doctors keine Medikamente mehr ausreichend helfen konnten, ohnmächtig beim Sterben zusehen müssen. Aber Tania wird der weiße Tod nicht kriegen. Tania nicht.

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Happy Home auf Mindanao

Ein Bericht von Sabine Wöber, seit Dezember 2012 Langzeitärztin im Armenhospital von Valencia auf Mindanao, Philippinen.

Das Happy Home

Das Happy Home

Heute habe ich eine Patientin in das Happy Home – eine von uns unterstützte psychiatrische Akutklinik und gleichzeitig Wohnheim für Psychiatriepatienten und Behinderte – gebracht. Die erst 21-jährige wurde an einer Kette, mit am Körper angebundenen Armen von ihrem sehr besorgten Vater gebracht, nachdem er sie auf einer unserer „Rolling Clinics“ der Ärztin vorgestellt hatte. Er berichtete, dass sie weglaufe und um sich schlage. Als Ursache nannte der Vater die harte Arbeit, die sie in den letzten zwei Monaten sehr verändert habe. Sie habe weder geschlafen noch gegessen. Sie ist extrem unruhig, versteht mein Englisch aber gut und scheint sogar dankbar für die Fürsorge. Sie lässt sich problemlos untersuchen. Dann stellt sich heraus, dass sie eigentlich in einer großen Stadt im Süden mit ihrem Mann ein Priesterseminar besucht, und drei Kinder hat. Von Mann und Kindern aber aktuell keine Spur. Was genau passiert ist, lässt sich nicht herausfinden.

Mit starken Beruhigungsmitteln lässt sie sich beruhigen und wir fahren zum Happy Home. Dort gehen sowohl der aufnehmende Arzt als auch der Pfleger sehr liebevoll mit ihr um und die anwesenden Patienten löchern sie mit Fragen. Sie scheinen wirklich „happy“ zu sein. Sie erklären mir sie seien alle „friends“ hier und sind begeistert über die Abwechslung, die der Neuzugang bringt. Obwohl unsere Patientin beim Abschied für eine Nacht zur Beobachtung bleiben muss, habe ich ein gutes Gefühl, sie bald wieder in gebessertem Zustand in unserer OPD (Out Patient Department, Ambulanz) zu sehen.

Patienten im Happy Home

Patienten im Happy Home

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German Doctors im Halbfinale

Ein Bericht von Nicole Zeller über ihren Einsatz in Nairobi, Kenia

Schon nach meiner ersten Woche in Nairobi, fühlte ich mich wieder wie Zuhause. An meinem ersten Tag war es sehr schön in der Baraka – die Ambulanz der German Doctors im Mathare Valley Slum – all die bekannten Gesichter wiederzusehen. Zunächst habe ich die chronisch kranken Patienten versorgt (hoher Blutdruck, Diabetes, Epilepsie), wobei ich durch einen „Clinical Officer“ tatkräftig unterstützt wurde. Ich habe auch einige Kinder gesehen, was natürlich mein Kinderarztherz höher schlagen ließ.

Bei der Untersuchung, mit einem kleinen Patienten

Bei der Untersuchung, mit einem kleinen Patienten

Auch dieses Mal sollte während meines Aufenthaltes ein kleines Event stattfinden. Ein Fußballturnier, was auf dem Gelände der Deutschen Schule ausgetragen werden sollte, wurde geplant und es sollten sich auch einige Mannschaften von Deutschen Organisationen beteiligen. Einer meiner Kollegen war schon fleißig am Organisieren und Trainieren. Dabei schwärmten die Mitarbeiter immer noch von unserem Ausflug im letzten Jahr, als wir einen Spaziergang durch den Karura Forest gemacht hatten. Für das Teambuilding war das ein unglaublich wichtiger Tag. Aber dazu später mehr.

Die ersten zwei Tage nach meiner Ankunft verliefen ohne große Katastrophen oder Notfälle, so dass ich mich wieder ganz gemütlich einleben konnte. Doch mit der Ruhe war es bald vorbei. Ein junger Mann, der seit einem Tag Blut erbrochen hatte und blutige Durchfälle erlitt, musste reanimiert werden. Er befand sich im Volumenmangelschock, was bedeutet, dass die Menge des in den Gefäßen zirkulierenden Blutes durch starken Flüssigkeitsverlust abnimmt. Trotz einer Stabilisierung nach den Reanimationsmaßnahmen, Flüssigkeitsverabreichung und Adrenalin, verstarb unser Patient auf dem Weg in das Krankenhaus. Er hätte einfach dringend eine Bluttransfusion gebraucht.

Anschließend folgte ein Notfall dem anderen, allerdings nicht mehr in so dramatischen Ausmaßen.

Darüber hinaus gibt es auch immer wieder schlimme Geschichten: Da ist zum Beispiel ein junges Mädchen, was mit einem Tracheostoma – eine operativ angelegte Öffnung der Luftröhre – versorgt ist, nachdem es im Alter von fünf Jahren gewürgt wurde. Sie war ansonsten wohl recht normal entwickelt und ging sogar in die Schule. Letztes Jahr war dieses Tracheostoma dann wohl verrutscht oder verstopft, so dass sie einen Sauerstoffmangel erlitt und nun schwerstbehindert ist.

Auch die unterernährten Kinder werden leider nicht weniger. Ich habe einen kleinen Jungen untersucht, der mit einem Jahr und zwei Monaten nur fünf Kilogramm wog. Es erschüttert mich immer noch wie dünn Kinder sein können. Manchmal kommen mir einfach die Tränen in die Augen. Eine Familie mit drei Kindern kam zu uns und ich denke, das Problem ist einfach, dass sie zu wenig Essen haben. Der einjährige war gut gediehen und hat sieben Kilogramm gewogen. Aber seine Schwester, die zwei Jahre und acht Monate alt war, hatte weniger Gewicht als er. Sie war nur Haut und Knochen. Der noch größere Bruder sah eigentlich nicht unterernährt aus, aber bei genauerem Hingucken war zu erkennen, dass er dann doch Zeichen von Kwashiorkor – einer Form der Unterernährung – aufwies. Diese komplette Familie war zum Glück HIV-negativ, aber irgendwie ist es so traurig, dass es unterernährte Kinder geben muss nur weil zu wenig Essen da ist.

Bei einem gut gediehenen Baby, das völlig dehydriert und benommen war und somit Flüssigkeit brauchte, mussten wir eine intraossäre Nadel setzten. Beim zweiten Mal war dies auch erfolgreich. Es ist schön zu sehen, dass es den Kindern wieder besser geht, nachdem sie Flüssigkeit bekommen haben.

Mütter mit ihren Kindern

Mütter mit ihren Kindern

Dann kam ein 14-jähriges Mädchen zu uns in die Klinik, die im fünften Monat schwanger war. Bisher war die Schwangerschaft noch nicht bekannt. Sie ist eine Waise und wurde vergewaltigt. Sie war auf dem Land in Kisi, die Mutter ist schon vor vielen Jahren gestorben, der Vater letztes Jahr und irgendwer hat sie vergewaltigt. Nach ihrer Geschichte war es ein Mann beim Holzsammeln im Wald. Aber wer weiß, vielleicht waren es sogar Familienmitglieder, die sie einfach nicht verraten möchte, denn was nicht so ganz gestimmt hatte, war der Zeitpunkt. Nach ihrer Angabe dürfte sie erst im dritten Monat schwanger sein. Ich bin froh, dass wir einen „Child Protection Officer“ haben, der sich in diesen Fällen um die Schwangeren und die Kinder kümmert. Das Mädchen lebt momentan mit ihren Tanten zusammen, die auch sehr um sie besorgt sind und auf sie achten. Aber solche Geschichten nehmen mich immer ganz schön mit. Am darauffolgenden Tag hatte sie dann noch Malaria und starke Bauchschmerzen. Ich hoffe, dass es keine vorzeitige Wehen waren, aber gespürt habe ich keine. Geplant war, dass ich sie wiedertreffe und wir dann sehen wie es ihr geht. Doch sie kam leider nicht mehr in die Baraka. Ich hoffe mal, es geht ihr dennoch gut. Unser „Child Protection Officer“ hat ihre Telefonnummer und wird sie vorsichtshalber anrufen.

Kinder im Mathare Valley Slum

Kinder im Mathare Valley Slum

Zum Screening von Kindern fuhren wir nach Mathare. Dort kann man in kurzer Zeit relativ viele Kinder sehen und bestellt die Kranken in die Baraka ein. Tatsächlich kamen am darauffolgenden Tag auch fast alle wieder, die wir einbestellt hatten. Die Hütten, in denen wir arbeiten, sind oft dunkel, die Kinder schreien. Wir sitzen alle nebeneinander in einem großen Raum. Manche mögen das ja gar nicht, aber ich liebe es. In kurzer Zeit kann man so viele Kinder sehen und die Unterernährten und Schwerkranken aus der Menge schnell herausfischen.

Schließlich fand auch das auf dem Gelände der Deutschen Schule angekündigte Fußballspiel mit Mannschaften deutscher Organisationen statt. Die German Doctors hatten natürlich auch ein Team gestellt und wir hatten definitiv den tollsten Fanclub dabei. Auch wenn es auf dem Bolzplatz den ganzen Tag sehr heiß war, hat das Spiel sehr großen Spaß gemacht. Die Stimmung war einfach genial. Ein bisschen traurig waren wir dennoch, als wir beim Elfmeterschießen im Halbfinale ausschieden. Aber wie heißt es so schön: Dabeisein ist alles.

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Eindrücke aus Dhaka – Frauen in Bangladesch

Ein Bericht von Gaby Gilles-Schmögner über ihren Einsatz in Dhaka, Bangladesch

Ganz wichtig erscheint mir, wie auf vielen Orten der Welt, die Stellung der Frau. Ich bin ja bereits das zweite Mal in Bangladesch und jedes Mal erfreut mich die ungebändigte Freude der Kinder. Hier gibt es kein Spielzeug, keine Computerspiele oder Fernsehen. Die Kinder spielen auf der Straße mit Dingen des täglichen Lebens und freuen sich darüber. Wenn wir erscheinen, dann ist das „Hallo“ und „Good Morning“ zu jeder Tageszeit anzutreffen, viele kleine Hände wollen geschüttelt werden.

Das weitere Heranwachsen ist dann abhängig von der Ausbildung, die angeboten wird. Viele Kinder haben die Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Oftmals werden hier immer noch Mädchen im Alter von 16 Jahren zwangsverheiratet und so der weiteren Ausbildung entzogen.

Mädchen in der Schule

Mädchen in der Schule

Meist kommen dann schnell Kinder zur Welt. Nun kann die Frau Glück haben und der Vater kümmert sich um seine Familie, oder was auch häufig vorkommt: er kümmert sich nicht und sucht sich eine andere Frau. Die Frauen stehen nun völlig mittellos da mit ihren Kindern und es ist oftmals sehr bemerkenswert, wie sie das tägliche Leben gemeistert bekommen.

Mutter und Kind

Mutter und Kind

Man findet sie in den Kleiderfabriken, sechs Tage die Woche und bis zu zehn Stunden täglich, im Straßenbau oder beim Müll-Trennen, den sie im Anschluss verkaufen.

Eine Frau bei der Arbeit

Eine Frau bei der Arbeit

Häufig sind Frauen hier auch häuslicher Gewalt ausgesetzt, die nicht weiter verfolgt wird. Diese Frauen sehen wir dann in unserer Ambulanz mit Verletzungen oder auch einfach erschöpft. Häufige Beschwerden sind dann Schmerzen am ganzen Körper und Schwächezustände.

In erster Linie brauchen die Frauen Zuwendung und Unterstützung. Wird eines ihrer Kinder krank, kann die Mutter nicht zu Hause bleiben. Oftmals müssen dann die Geschwister einspringen, was häufig mit Fernbleiben aus der Schule verbunden ist. Es gibt also noch viel zu tun, um die Situation der Frauen in Bangladesch zu verbessern.
Es gibt aber auch glückliche Väter, die regelmäßig mit ihren Kindern zu uns in die Ambulanz kommen.

Ein Vater mit seinem Kind

Ein Vater mit seinem Kind

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