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Ärzte für die Dritte Welt e.V. schickt Ärztinnen und Ärzte in zehn Projekte auf die Philippinen, nach Indien, Bangladesh, Kenia, Sierra Leone und Nicaragua. Die Projekte werden von jeweils zwei bis acht Ärzten an den Standorten unterstützt, zusätzlich sind auf der Insel Mindanao (Philippinen) und in Ocotoal (Nicaragua) je eine Zahnärztin bzw. ein Zahnarzt im Ärzte-Team.

Der neue Arzt ist eine Attraktion

Die Welt ist zusammen gerückt und doch wissen wir oft viel zu wenig aus dem Alltag der Menschen vor allem in der Dritten Welt. Wie kaum andere kennen Ärzte, die in den Slums der Megastädte Asiens und Afrikas arbeiten, diesen Alltag. In diesem Artikel berichtet Dr. Annette Weimann von ihren ersten Tagen in Dhaka für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors. Seit 1989 arbeiten wir in Dhaka und waren zunächst an das Hilfsprogramm des Notre Dame College der Holy-Cross-Fathers angebunden. Seit 1996 arbeiten wir selbstständig. Seit 2004 bewohnen wir das Gebäude in Manda und arbeiten auch dort. Die Slums befinden sich teilweise auf Privatgelände, wo die Bewohner oft hohe Platzmieten an dubiose Besitzer abführen müssen, oder längs der Bahnlinie, wo das Gelände angeblich der Bahn gehört. Immer wieder wurden Slumbereiche eingeebnet und die Bewohner vertrieben. Selbst dort, wo wir Trinkwasserpumpen und Latrinen gebaut hatten, um den im Slum lebenden Bewohnern ein Minimum an Hygiene zu ermöglichen, wurden die Slums in teilweise nächtlichen Aktionen platt gewalzt und die Bewohner vertrieben. Inzwischen versorgen wir die folgenden Slumbezirke in Dhaka: Kilgoan I, Kilgoan II, Moqbazar, Gandaria, Korail und halten an drei Nachmittagen Sprechstunden in dem Gebäude in Manda ab. Unsere Patienten stammen aus den untersten Schichten, die Mehrzahl lebt in Slums; viele gehören zu den Familien der 400.000 Rikscha-Fahrer der Stadt, die, wenn es gut läuft, 200 Taka am Tage verdienen von denen sie aber 75 Taka an den Besitzer der Rikscha abgeben müssen.

“Ich war erst ein paar Tage in Dhaka und hatte mich grade erst vertraut gemacht mit dem Alltagsablauf: Nach Ankunft in dem jeweiligen Slumgebiet erfolgte erst ein kurzes teaching für die Patienten, dann erst begann die eigentliche Sprechstunde.

Ich hatte noch nicht gelernt, mit der Neugierde der Slumbewohner zu rechnen, und ging natürlich fest davon aus, daß sich nur wirklich Kranke in der Sprechstunde melden würden. Eine der ersten Patientinnen war eine sehr schmächtige Frau mittleren Alters in einem sauberen, aber zerrissenen Sari. Weshalb sie denn komme? „Kashi“. Ich hatte schon einige Worte Bengali gelernt und verstand: Husten. Angesichts ihres ausgemergelten Körpers dachte ich sofort an Tuberkulose. Um zu unterscheiden, ob es vielleicht auch eine bakterielle Krankheit sein könne mit dann meist grüngelbem Auswurf, fragten wir sie nach der Farbe des Auswurfs und erhielten zur Antwort: „lal“. Beide, meine Dolmetscherin und ich, guckten sie verdattert an: Blau? Einen kurzen Moment zögerte die Patientin und blieb aber dann fest bei ihrer Aussage. Meine Dolmetscherin wandte sich an mich und sagte: „Doctor, I think she not ill. I think she only want look at new German Doctor!“ Ich pflichtete ihr bei, hier wollte jemand nur gucken, wer da Neues aus Europa gekommen war. Da sie jedoch so enorm untergewichtig war, versorgte ich sie mit einigen Vitamintabletten und Eisentabletten. Wir wissen ja, daß fast jeder 4. Mensch in den Slumgebieten massiv blutarm ist, da sich diese Menschen kein Fleisch leisten können. Sichtlich zufrieden zog die Frau von dannen. Ich habe sie in den nächsten 8 Wochen nicht wieder gesehen.

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Medizin in einer anderen Welt

Dr. Rita Maoz erzählt von ihrem Einsatz für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors in Chittagong. Das Projekt existiert seit dem Jahr 2000. Es liegt im Stadtteil Patharghata, wo Christen der portugiesisch-stämmigen Oberschicht leben. Der Ursprung geht auf einen kanadischen Priester und Arzt zurück, Father Boudreau, der das Medical Centre gründete und bis 1973 leitete. Durch Gelder der deutschen Entwicklungshilfe und der Ärzte für die Dritte Welt wurde das Projekt wieder zum Leben erweckt und besteht jetzt aus zwei Einheiten: dem Father Boudreau’s Medical Centre (FBMC) und dem Medical Centre for the poorest of the poor (MCPP). Drei unserer Mitarbeiterinnen gehen regelmäßig in die umliegenden Slums und laden die Armen, die dort leben, ins MCPP zur Behandlung ein. Am Mittwoch begleiten die German Doctors die Healthworker in die Slums, um die dortigen Bedingungen selbst zu sehen.

“Ununterbrochenes Klingeln der Fahrradrickshaws, Hupen der kleinen Motortaxis, das laute Brummen des Generators, Gekrächze der Raben, strömender Regen: Ich sitze auf dem kleinen Balkon der Unterkunft der German Doctors im Father Boudreaus Medical Center in Chittagong.

Chittagong, eine Viermillionenstadt, ist die zweitgrößte Stadt Bangladeshs. Heute war mein zweiter Arbeitstag im MCPP (medical center for the poorest of the poor), dem Projekt der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors, in dem die Menschen aus den Slums behandelt werden, diejenigen Menschen, die über keinerlei finanzielle Mittel verfügen, um sich anderswo Hilfe holen zu können. Obwohl Monsunzeit ist und wegen der heftigen Regenfälle nicht jeden Tag sehr viele Patienten kommen, ist die Arbeit hier sehr intensiv.

Heute sah ich eine schwangere junge Frau, 21 Jahre alt, zu Hause hat sie zwei Mädchen, vier weitere Kinder sind bei der Geburt gestorben. Wenn sie jetzt keinen Jungen entbindet, will ihr Mann sich von ihr trennen. Während mein Übersetzer mir dieses Drama beschreibt, wird die Tür unseres kleinen Sprech- und Behandlungszimmers geöffnet und eine Mutter mit einem benommenen Kleinkind wird herein geschoben. Ein Blick auf die Karteikarte des Kindes: Es ist acht Monate alt und wiegt fünf Kilo, eine Tuberkulosetherapie läuft. Das kleine Kind hat einen schweren Asthmaanfall, es atmet kaum noch. Wir legen die Maske des Inhaliergerätes auf Mund und Nase, legen eine Infusion an. Nach Cortisoninjektion öffnet das Kind einmal kurz seine Augen, um dann bei jedem Atemzug um Luft ringend einzuschlafen. Sein Allgemeinzustand ist sehr schlecht, zu Hause hätte man den Babynotarzt alarmieren können, hier bleibt nur die Einweisung in ein Krankenhaus. Ich muss lernen, dass dazu die Genehmigung des Vaters unbedingt notwendig ist. Der große Bruder des Kindes wird nach Hause geschickt, um das Einverständnis zu holen. Nach einer halben Stunde kommt der Onkel des Kindes und teilt uns mit, der Vater sei nicht da. Er bleibt und wacht darüber, dass Kind und Mutter hier bleiben. Das Kind schläft, die Atmung ist etwas leichter, aber immer noch viel schlechter als ich es von den schwersten Asthmaanfällen zu Hause kenne.

Asthma ist hier sehr verbreitet, denn in den Slumhütten wird auf offener Feuerstelle gekocht, dazu kommen die hohe Luftfeuchtigkeit, die Hitze, die Luftverschmutzung, der Schmutz überhaupt, die schlechte Immunlage infolge der mangelnden Hygiene und der Unterernährung…. Nach mehr als einer Stunde angstvollen Wartens erscheint der Vater und gibt sein Einverständnis: Mutter, Kind, Infusion und unsere Sozialarbeiterin werden in eine kleine Taxirickshaw geschoben und das Gefährt setzt sich in Richtung Kinderkrankenhaus in Bewegung. Den Aufenthalt dort und die notwendigen Medikamente bezahlen die German Doctors in Frankfurt.

Der nächste Patient hat Oberbauchbeschwerden. Als ich ihn bitte, sich zur Untersuchung frei zu machen, muss ich schmunzeln: Hier wie im Saarland beginnen Männer damit, ihr Hemd und zwar mit dem untersten Knöpfchen beginnend aufzuknöpfen, was viel länger dauert als bei Frauen, die ihre Blusen einfach hochstreifen. Die Ursache für seine Oberbauchbeschwerden ist wohl in zu häufigem Genuss von Betelblättern zu sehen, die man auch kaut, weil sie das Hungergefühl unterdrücken. Für hungernde Menschen, die einen sehr niedrigen Bodymaßindex haben, stehen uns Foodpackages zur Verfügung. Das sind Reis-Linsen-Gemische, die für eine Person etwa eine Woche reichen. Bis dahin müssen sie sich eine Hilfe gefunden haben.

Die Erlebnisse dieses einen Tages beschäftigen mich. Wie kann man ein solches Leben aushalten? In Bangladesch sollen die glücklichsten Menschen der Welt leben – aber auch die Ärmsten!”

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Das Krankenhaus in Valencia

Dr. Heinze war für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors im Armenhospital in Buda aktiv. Außer diesem Krankenhaus haben die Ärzte für die Dritte Welt noch ein weiteres in Valencia. Das Krankenhaus ist unter dem Namen Bukidnon Community Health Care Center bekannt. Das Hospital wurde vor Jahren von der dortigen Regierung geplant, jedoch nie fertig gestellt. 1994 fingen Ärzte für die Dritte Welt an, das Gelände zu einem 30 Betten-Hospital auszubauen. Es dient der Versorgung der Bedürftigen der Stadt und der Aufnahme der von den Rolling Clinics überwiesenen Patienten. Ein deutscher Langzeitarzt ist mit zwei  philippinischen Kollegen und dem zwei Wochen arbeitenden Kurzzeitarzt tätig. Dr. Heinze erzählt im Rückblick von seinen Erlebnissen in Valencia.

“Heute und vielleicht auch morgen bin ich Aushilfsdoktor in Valencia! Meine Kollegin Maria, Langzeitärztin in Valencia, musste nach Cagayan de Oro, um ihr Visum zu verlängern. Dort wurde sie so krank, dass an arbeiten nicht zu denken war, nicht mal an Rückreise. Per Zufall hatte Dietmar die Nacht in Buda verbracht und mich am Morgen kurzerhand nach Valencia  gebracht.

Nun macht also in Buda ein Reliever Dienst, und ich habe ein neues Krankenhaus. Zum Glück gibt es hier am Wochenende weder ambulante Patienten noch Aufnahmen, ich hatte also (toitoitoi) einen ruhigen Tag mit ‘Der Schatten des Windes’ von Zafon.

Visite

Eben ging die Abendvisite zu Ende. Es gibt Unterschiede zwischen Stadt- und Landpatienten. Ich habe das am deutlichsten an den wenigen unterernährten Kindern hier in der Stadt gemerkt. Die Behandlung der schweren Unterernährung von Kindern ist in Buda vielleicht noch nicht perfekte Routine, aber jedenfalls deutlich weiter fortgeschritten. Das ACF-Programm (strukturiertes Päppeln) ist hier in Valencia noch nicht umgesetzt. Dafür gibt es hier mehr Patienten mit Tuberkulose.

Ich bin froh um einen Monat Erfahrung in Buda! Da geht die Visite auch im neuen Krankenhaus auf Anhieb besser von der Hand. Trotzdem bin ich froh, in Buda zu arbeiten. Das liegt 600 m höher und ist ein relativ sauberes Dorf mit angenehmem Klima.“

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Hunger, nicht nur Appetit

Dr. Heinze arbeitet für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors im Krankenhaus in Buda mit. Hier berichtet er im Rückblick über die vielen Patienten, die als unterernährte Kindern nach Buda kommen. Seit März 2011 kooperieren Ärzte für die Dritte Welt in Buda mit Action Contre la Faim. Diese französische Organisation hat in unserer Nachbarprovinz Cotabato ein grosses Ernährungs- und Entwicklungsprogramm initiiert, das auf mehrere Jahre ausgelegt ist. Wir dienen mit unsere Klinik in Buda als Stabilisierungscenter für SAM-Kinder( Kinder mit schwerer Unterernährung), die Komplikationen oder Ödeme haben, bis – so bald als möglich-  eine ambulante Betreuung erfolgen kann. Es gibt ein sehr ausführliches und Praxis-nahes Behandlungsschema angelehnt an das WHO-Programm.

„Auf der Kinderstation in Valencia liegt das Kind mit dem bisher niedrigsten von mir gemessenen MUAC (Mid Upper Arm Circumference): Sechsundneunzig Millimeter. Ah, schon wieder eine Stelle, an der ich medizinischen Belang unterbringen kann! Was ist eigentlich ein MUAC und was macht ihn so bedeutend?

MUAC

MUAC-Messbändchen

Der MUAC korreliert von allen Körpermaßen am Besten mit dem Ausmaß der Unterernährung. Und er ist ganz leicht zu messen. Deshalb ist der MUAC das, was man in der WHO-Sprache ein „powerful diagnostic instrument“ nennt. Wenn man älter als sechs Monate und länger als 65 cm ist, sollte man tunlichst einen vernünftigen MUAC haben, sonst  ist man unterernährt. Unter 125 mm wird es kritisch, und unter 115 mm ist die Diagnose klar: SAM. „Severe Acute Malnutrition“.

Wir sehen viele SAM-Kinder, und leider gehörten die beiden hier während meines Einsatzes verstorbenen Kleinkinder auch in diese Gruppe.

„ACF“, Action contre la Faim, hat ein durchdachtes Programm auf den Weg gebracht, um schwer unterernährten Kinder wieder zu Fleisch auf den Rippen zu verhelfen. Dazu gehören ein stationäres und ein ambulantes Behandlungskonzept, gut ausgebildetes Personal, viel Papierkram, 2 Spezialmilchen und eine Spezial-Erdnussbutter. Hier in Buda wird seit Mitte 2011 das ACF-Programm umgesetzt. Sicher ist es zu früh, um den Erfolg beurteilen zu können. Aber wir haben eine Guideline und wissen, was als nächstes dran ist. Und es zeigt sich, dass die Guideline beim einzelnen Patienten im Hospital immer gut anwendbar ist und das Ergebnis messbar, wägbar ist: Erst F75-Milch, bis keine Ödeme mehr da sind. Dann F100-Milch, bis das Kind zunimmt. Dann Ee-Zee-Paste, und dann Entlassung.

Entlassung. An der Stelle wird das Programm vom geschlossenen zum offenen System, und hier fangen leider die Probleme an. Vorausgeschickt: Viele kommen zu ihren Kilos und können von ihrer SAM geheilt werden. Aber viel öfter als wir wollen stehen wir vor Problemen wie: Nicht zum Follow-up gekommen. Ee-Zee-Past nicht gegessen, dafür Reis. Ee-Zee-Paste-Phase beendet, aber nix zum Essen daheim. Abnahme oder keine Gewichtszunahme, da die Kinder  immer wieder krank waren, da ihre Abwehr schlecht ist Es gibt echt noch viel zu tun gegen Hunger. An zu wenigen Nahrungsmitteln liegt es nicht, jedenfalls nicht generell. Wie sagte Father Franco: „The Philippines are a rich country with a poor people“. So sieht es  aus. Gute Nacht bis morgen.“

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Die letzte Sprechstunde

Dr. Heinze war die letzten Wochen für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors im Krankenhaus in Buda im Einsatz. Viel hat er erlebt und viel hat er davon berichtet. Heute berichtet er über seinen letzten Arbeitstag in Buda.

Sprechstunde

“Freitags ist in der Ambulanz meistens etwas weniger los. Am Dienstag und Donnerstag kommen die Päppelkinder, da ist am meisten zu tun. Montags muss – genau wie in Hamburg – das doktorlose Wochenende kompensiert werden und Mittwoch ist mal so, mal so. Heute war ein typischer Freitag. Ambulanz ohne größere Herausforderungen, nur eine Aufnahme, ein Junge mit Typhus. sein Onkel liegt schon bei uns mit der gleichen Diagnose.

Pausen gab es trotzdem keine, denn ich musste nach dem Baby sehen, das wir um 0 Uhr  mit Neugeborenensepsis aufgenommen hatten. Es war 17 Tage alt und halbtot bei Ankunft, aber mit Sauerstoff und Wärme und Infusion und zwei Antibiotika wurde es wieder rosig und begann, sich zu regen. Und dann entstand diese merkwürdige Situation, in der alles getan ist und in der es nun am Kind liegt, wie es weitergeht. Ich stand alle 30-60 Minuten im vollbelegten Fünfbettzimmer vor dem Inkubator und schaute Anariza beim Atmen zu. Das ging immer schwerer, und die Sauerstoffsättigung sank stetig, dafür stieg das Fieber. Um halb vier starb Anariza, die Reanimationsversuche blieben vergeblich. Als wir mit unseren Reanimationssachen das Zimmer verließen, standen alle Eltern im Zimmer von ihren Betten auf und scharten sich um das tote Mädchen auf dem Arm seiner Mutter. Einige weinten mit, aber alle sprachen der Mutter Trost zu und boten Hilfe an.

Die Mitarbeiter aus Buda

Die Party am Nachmittag (abends ging nicht, alle wollen in das Wochenende) blieb von dem Ereignis ungetrübt, so ist es halt. Es war kurz und laut, ich habe nicht alles verstanden, aber alle haben sich gefreut und “When will you come back?” gefragt. Es gab wie üblich unheimlich viel zu essen – alle haben Reserveportionen in ihren Tupperschalen mitgenommen. Auf ein schönes Wochenende und “Goodbye and Salamat”. Dann war es vorbei.

Und nun sitze ich im fast geräumten Zimmer, den fast gepackten Koffer zu meinen Füßen und schreibe meinen letzten Bericht.
Im Retrospektoskop, so ist es immer, schaue ich auf eine kurze Zeit. Eine lehr- und abwechslungsreiche und oft merkwürdige Zeit. Wundersam und schön war es. Ob ich wiederkomme? Ich weiß es noch nicht. Sicher nicht im nächsten Jahr. Und was danach kommt, wird danach entschieden. Lust habe ich.”

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Tag und Nacht in Buda

Dr. Heinze berichtet wieder von seiner Arbeit im Armenhospital der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors in Buda auf den Philippinen. Buda liegt in der Bergregion zwischen Bukidnon und Davao im Südosten der Insel Mindanao Auf der geteerten und überwiegend gut ausgebauten Strasse (Highway), die Mindanao von Süd nach Nord durchzieht kann unser Hauptprojekt in Cagajan de Oro in etwa sechs Stunden Autofahrt erreicht werden. Die von uns betreuten Menschen leben in kleinen Siedlungen entlang der Straße nach Davao oder in verstreuten Dörfern in den Bergen. Sie haben dann oft sehr weite und schwierige Anlaufwege nach Buda. Viele von ihnen gehören zu den der wenig respektierten indigenen Bevälkerung der Insel, die eigene Sprachen sprechen, eine eigene Kultur und eigene Vertrauenspersonen („Datos“ = Älteste) haben.  Durch das staatliche Gesundheitssystem werden sie kaum erreicht, umso wichtiger ist die Arbeit der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors.

“Die Sonne scheint, der Frühstücksteller ist abgewaschen. Alles dabei? Brille, Kuli, Rechner, Stethoskop, Wasserflasche? Na dann los.

Punkt acht ist Visite. In den ersten beiden Zimmern freuen sich frisch entbundene Mütter an ihren Söhnen und Töchtern. Ein Baby ist ganz gelb, das muss an das Fenster, da es dort mehr UV-Licht kriegt.[1] Und Laborwerte hätte ich auch gern. Die beiden Schwestern, die Tyhpus hatten, sind nach fast zwei Wochen hohem Fieber endlich fieberfrei und können nach Hause. Beiden hat erst Ciprofloxazin geholfen, das Antibiotikum der dritten Linie. Das kann noch was werden mit den Resistenzen. Der Zwölfjährigen mit der akuten Herzinsuffizienz geht es auch besser; das Lungenödem scheint kein Problem mehr zu sein. Das Bett daneben ist leer: Da lag gestern Abend noch der stöhnende drei Monate alte Junge – er ist jetzt im SPMC (Southern Philippine Medical Center) in Davao mit Verdacht auf Encephalopathie, möglicherweise wegen eines Stoffwechseldefekts. Im Tuberkulose-Ward lebt seit gestern eine Mutter unter Tuberkulosetherapie mit zweien ihrer vier Kinder. Deren Tuberkulose-Hauttests waren positiv, sie müssen also nach Valencia zum Röntgen gefahren werden. Dies wird aber heute nicht möglich sein, denn der kleine Junge ist außerdem schwer unterernährt und hat eine Elektrolytentgleisung mit Kalium von 1,5. Damit lassen wir ihn nicht reisen, er soll lieber Bananen essen und Speziallösung trinken. Zum Glück hat er wenigstens keinen Infekt.

Kleiner Patient

9:30 Uhr. Heute haben wir nur eine Entlassung, der Papierkram ist also rasch erledigt. Bei der letzten Unterschrift steht Sir Raymond neben mir: “Doc, we have a child in the ER”. Im Emergency Room atmet ein Zweijähriger um sein Leben. Seit gestern Abend geht das so, sagt die Mutter. Blass, erschöpft, Augen verdreht, maximaler Kraftaufwand für minimale Sauerstoffversorgung. Es fließt kaum Luft in den Lungen, der Junge hat einen Status asthmaticus. Untersuchen, anordnen, Intensivbehandlung und -Überwachung. Alles aufschreiben. Zum OPD (Out Patient Department, Ambulanz) geht es einmal diagonal durch den inzwischen vollen Wartesaal. Eine Nurse beendet gerade ihre Ansprache über Möglichkeiten der Geburtenkontrolle. Höflicher Applaus der Wartenden. In der Ambulanz arbeite ich mit Rufino zusammen. Rufino ist Manobo und entstammt einer angesehenen Familie. Er ist nicht einfach ein Translator, sondern ein Interpreter: Er spricht mehrere hiesige Dialekte und ist offensichtlich eine Autorität. Er nimmt sich Zeit für Erklärungen und kennt alle weiterführenden Stellen innerhalb und außerhalb von “Ärzte für die Dritte Welt”.

Morgens kommen die Patienten meistens aus der Nähe, am Nachmittag treffen die mit den langen Fußwegen ein.

Und hier die Top-5-Liste der häufigsten Gründe, wieso sich die Patienten in der Ambulanz vorstellen:

1.) Husten und Fieber

2.) Husten, Erkältung und Fieber
3.) Diarrhö
4.) Diarrhö und Erbrechen
5.) Husten, Erkältung, Diarrhö, Erbrechen und Fieber

Wie zuhause haben die meisten Kinder eine Erkrankung der Atemwege oder eine Gastroenteritis. Wie zuhause kann man sie gewöhnlich gut ambulant behandeln. Antibiotika setze ich hier häufiger ein als in Hamburg, aber schon nicht mehr so oft wie am Anfang. Paracetamol, Lagundi (lokaler Kräuterextrakt) gibt es für die Kinder, die husten. Und zwischendurch immer wieder ein Kind, das schwere Probleme hat. Einige kommen mit schwerer Unterernährung, ein Säugling mit Atemnot, die Haut anderer Kinder ist nur noch mit Eiterbeuteln bedeckt, wiederum ein anderes Kleinkind hat Krampfanfällen – woran liegt das?

Zur vollen Stunde ärztliche Patrouille durch den Wartesaal: Auf welchem Schoß sitzt das allerkränkste Kind? Muss jemand vor den anderen zum Doktor? Heute ist alles im normalen Bereich, niemand im Wartesaal ist schwerkrank.

13 Uhr. Die Laborwerte sind da. Das gelbe Baby hat einen unkomplizierten Neugeborenenikterus, mehr als normal, aber es ist voraussichtlich nicht therapiebedüftig. Es trinkt auch gut und hat sonst keine Probleme. Morgen Laborkontrolle.

13:30 Uhr. Treffen mit dem regionalen Leiter des “Action contre la faim”-Programms, Dr. Fudalan und zwei seiner Nutritionists, eine aus Frankreich und eine Filipina. Einige Detailfragen zur Durchführung werden besprochen und ein Refresherkurs wird vereinbart.

14:15 Uhr. Weitere ambulante Patienten kommen, ein oder zwei werden aufgenommen. Manche Patienten können in der Dunkelheit nicht mehr nach Hause, sie bekommen einen Gate Pass und in der “Watcher’s area” eine Schlafgelegenheit und etwas zu essen.

16 Uhr. Nicht besser. Jeremiah zehrt seine Reserven auf und wir können nicht mehr leisten als bei Fidel, dem Fahrer, anzurufen. Ich schreibe einen Verlegungsbericht und Jeremiah fährt auf Mutters Arm, mit Sauerstoff und zwei Infusionen nach Davao. Atmen, atmen, atmen. SMS an Sr. Marinella, die in Davao für unsere Patienten zuständig ist. Sie wird sich im Krankenhaus um den “German Doctors”-Patienten kümmern.

17 Uhr. Abendrunde. Heute wurde nur ein Patient entlassen, dafür wurden mehrere aufgenommen, darunter zwei Säuglinge mit Bronchiolitis, die hat hier gerade Saison. Ein Achtjähriger mit typhusverdächtiger Anamnese, der seit Aufnahme aber schon fast gesundet ist und hoffentlich morgen wieder gehen kann. Zwei Erwachsene: Einer hat ziemlich sicher Typhus, ein anderer bekommt eine Infusion bei schwerem Magen-Darm-Infekt. Alles recht gut im Griff im Haupthaus. Im Tuberkulosetrakt liegt der kleine unterernährte Junge mit der Elektrolytentgleisung mit hohem Fieber, flach atmend, blass und schlaff im Bett. Wir untersuchen, geben eine Medizin gegen Fieber, antibiotische Doppelbehandlung, Infusion mit Kaliumzusatz, Intensivüberwachung! Das letzte Kind in dieser Situation haben wir vor drei Wochen vergeblich reanimiert.

18:30 Uhr. Die Infusion läuft, das Fieber ist wieder gefallen, der Kreislauf ist stabil.

Dietmar Schug, der Philippinen-Koordinator der Ärzte für die Dritte Welt, kommt mit seinem SUV aus Cagayan de Oro. Rowen und Gerry heben eine neue 150er Kawasaki aus dem Anhänger. Die bekommt Sir Randy, der Tuberkulose-Chef, für seine demnächst beginnenden Hausbesuche. Außerdem bringt Dietmar einen Kopierer/Scanner mit, der hat hier dringend gefehlt. Es gibt nämlich kein Festnetz in Buda und deshalb auch keine Möglichkeit zum Faxen. Jetzt können wir Befunde einscannen und per Email verschicken.

19 Uhr. Normalerweise Abendbrot. Die Küche versorgt uns zweimal täglich mit warmen Mahlzeiten. Es gibt Fleisch oder Fisch oder Geflügel mit den unterschiedlichsten lokalen Gemüsen, dazu Reis. Fast alle Gerichte werden bereichert durch Heinz Tomato Ketchup. Zum Nachtisch gibt es meistens Mango, sonst Papaya oder Ananas. Wir können nicht klagen. Meine Gewichtsabnahme (bisher geschätzt 4 kg) kommt nur vom Nasch- und Zwischendurchverzicht. Sieh an.

Heute statt Abendbrot: Geburtstagsfeier bei Ma’am Orly, unserer Headnurse. Sehr viel Familie ist da, und dazu kommen und gehen alle möglichen anderen Gäste, die meisten vom Hospital. Es gibt 2 ganze Spanferkel und jede Menge Salate, Soßen und sonstige Zutaten, und für die Germans sogar Bier! Darel, Dietmar und mir schmeckt’s. Ich finde die “Valenciana” am Besten, eine Art Risotto.

22 Uhr. Mit Dietmar auf ein letztes Bier am Esstisch im Doctor’s House. Irmela, die gynäkologische Kollegin, ist mit dabei, will gerade ihr Bierglas heben, da klingelt es: Eine Gebärende ist gekommen.

23 Uhr. Ein paar Emails, Zähneputzen, schlafen gehen. Bisher hatte ich noch keinen Bereitschaftsdienst, bald geht’s damit los.

Aber für heute: Gute Nacht. Máyon Gabí-i.“


[1] Anmerkung. Das Baby hat vermutlich Gelbsucht. Diese wird durch eine erhöhte Konzentration von Bilirubin, ein gelbes Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin, hervorgerufen. Durch UV-Licht wird das Bilirubin schneller abgebaut.

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Wenn eine Ueberweisung in ein Krankenhaus nicht möglich ist

Dr. Heinze ist noch einige Tage in Buda im Armenhospital der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors und berichtet von seiner Arbeit:

Viele Grüße vom Team in Buda

“Zwei Wochen sind vergangen seit meinem Visitenbericht. In zwei Wochen kann vieles geschehen mit kranken Kindern. Von ein paar Patienten aus meinem Bericht will ich erzählen, wie es weiterging.

Rowena und ihr Vater

Rowena zum Beispiel. Rowena ist 12 und wohnt zwei Stunden von hier in Richtung Westen. Ein dünnes, aber gesundes Mädchen mit vie Geschwistern. Mitte Oktober fühlte sie sich nicht mehr gut, hatte auch Fieber und Bauchweh. Die Vorstellung in der Ambulanz ergab: Fieberhafter Infekt und Verstopfung. Paracetamol und Dulcolax. Das Fieber ging zurück, dafür wurde der Bauch dicker und Rowena bekam Husten. Vie Tage später war sie wieder bei uns, Diagnose diesmal: Erkältung. Nach weiteren zwei Tagen war aus der Erkältung heftige Atemnot geworden und der Bauch passte gar nicht mehr zum Kind: Ein Kugel auf uwei Streichhölzern. Erneute Vorstellung in unserer Ambulanz. Nun wurde erstmals ein sehr lautes Herzgeräusch gehört: So laut, da stimmte was nicht! Im Ultraschall Ascites, Gallenblasenödem, gestaute Lebervenen, Pleuraerguss. Rowena hatte eine schwere akute Herzinsuffizienz mit Lungenödem. Auweia. Was tun? In Hamburg wäre die Sache klar: Ab in’s UKE, Abteilung für Kinderkardiologie, Adieu. Hier ist es anders. Ein Kind kann nicht einfach in eine Spezialklinik gebracht werden. Zum ersten muss die Bezahlung geklärt sein – das war in diesem Fall noch das einfachste: Bezahlung gibt’s nicht. Und die Zuständigkeit muss auch klar sein. Rowena wohnt westlich von Buda, also ist das SPMC in Davao (östlich, da kann Sr. Marinella Spendenfonds anzapfen) nicht zuständig. Was tun? Das kläre ich am Handy mit Martin Grau, Internist und medizinischer Leiter des German Hospital in Cagayan de Oro. Die German Hospitals dort und in Valencia kosten die Familie kein Geld, sind auf das Problem aber auch nicht besser eingestellt als wir in Buda. Wir beschließen: Kinderkardiologie selber machen. Lehrbuch ‘raus und los.
Und so kam es, dass ich jetzt eine Endokarditis mit Herzinsuffizenz aus dem Pfadfinderhandbuch behandle: Drei Antibiotika, Digoxin, Diuretikum und alle drei bis fünf Tage eine “Echocardiographie” mit dem 5 Mhz-Linearschallkopf von vor circa 15 Jahren. Rowena ist dünn und macht gut mit, und ihre Vegetationen auf der Mitralklappe sind so groß, dass selbst ich sie auf den B-Mode-Bildern erkenne. Wir planen, die antibiotische Behandlung vie Wochen hier weiterzuführen und Rowena dann doch noch in’s SPMC zu verlegen – mit einem Trick von Dr. Velasco: Die Familie gehört ja zur nomadisierenden indigenen Bevölkerung. Wenn sie sich einige Kilometer nach Osten bewegt, dann ist Davao zuständig! So geht das hier. Besonderer Dank für kardiologisch-telemedizinische Unterstützung geht in die Heimatstadt!

Neben Rowena hatte Ivan gelegen, drei Monate alt. Ivan kam somnolent und mit leichtem Fieber zur Aufnahme, trank kaum noch und stöhnte ohne Unterlass. Labor und körperliche Untersuchung blieben ohne Hinweise auf die Ursache, Infusion und Antibiotika änderten zwei  Tage lang nichts. Und weil es so nicht weitergehen konnte: Verlegung nach Davao. Heute schrieb Marinella mir eine SMS: Ivan hat eine Darmtuberkulose. Man hatte ihn aufgemacht, um nachzuschauen. Nun wird er gegen Tuberkulose behandelt und es gehe ihm besser.

Die Geschichte des Zweijährigen mit dem Status asthmaticus ging gut aus. Er erhielt in Davao noch wenige Tage Intensivtherapie und konnte vor drei Tagen nach Hause entlassen werden.

RomelUnd dann war da noch Romel,zweieinhalb, das Kind der Tuberkulose behandelten Mutter und außerdem schwer unterernährt mit Elektrolytentgleisung. Am Abend erkrankte er mit hohem Fieber. Wir machten ziemlich schnell ziemlich viel Medizin und waren diesmal zum Glück erfolgreich: Romel war nach 24 Stunden wieder fieberfrei, wenngleich noch schlapp. Nach weiteren 2 Tagen sah man ihn schon wieder mit seiner Schwester durch die Gänge marschieren. Die Röntgenbilder beider Kinder – mit einer Woche Verspätung angefertigt – zeigen keinen Hinweis auf Tuberkulose. Deshalb werden beide als “PPD-Converter” klassifiziert: TB-Test positiv wegen der Exposition, selbst aber nicht erkrankt.Blieb noch das Hungerproblem: Ende letzter Woche aß Romel in definierter Zeit eine definierte Menge Erdnussbutter und bestand damit den “Appetite Test”. Am nächsten Tag ging’s nach Hause. Ende dieser Woche werde ich ihn zur Kontrolle wiedersehen. Dann hoffentlich mit seinem großen Bruder, bei dem muss auch noch der TBC-Test gemacht werden. Beim Rest der 6köpfigen Geschwisterschar übrigens nicht, denn nach dem Tod des Vaters hat die Mutter sich von der Hälfte ihrer Kinder getrennt – die leben weit weg bei einer Tante. So geht das hier.”

Romel

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Dr. House in Buda

Eines der Projekte der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors ist das Armenkrankenhaus in Buda. Dr. Heinze ist vor Ort für die Ärzte für die Dritte Welt täig und berichtet vom Klinikalltag.

“Wir arbeiten zügig und versuchen, während der Öffnungszeiten alle Patienten zu versorgen. Trotzdem gibt es natürlich Wartezeiten, auch mal lange. Das bin ich aus der Praxis gewohnt. Ungewohnt ist der Umgang mit der Warterei: Von den Filipinas und Filipinos hören wir weder einen Vorwurf noch ein Drängeln noch sonst eine Äußerung des Unmuts. Sie sitzen auf den Bänken. Wenn das Bildungsfernsehen interessiert (“Wie ernähre ich mein Kind am Besten?”, “Korrektes Stillen”, “Zähneputzen – aber richtig!” und dergleichen), dann wird in die Richtung des TV-Apparats geschaut. Wenn nicht, dann woandershin. Oder man schläft halt eine Runde. Zeit ist genügend da. Mehr jedenfalls als alles andere.

Selbst wenn der Arztkontakt sich in den Nachmittag hinein verzögert und damit klar ist, dass die ferne Heimat heute nicht mehr erreicht werden kann: Das ist alles kein Problem, bleiben wir eben hier – entweder im “Watcher’s House” oder in der gegenüberliegenden Pension, wo die Übernachtung 30 Pesos (50 Cent) kostet. Morgen ist auch noch ein Tag.

Wartende Patienten

Freundlichkeit
Hier kommt man eigentlich nie auf trübe Gedanken. Jedenfalls nicht, wenn andere Menschen in der Nähe sind. Das müssen weder Freunde noch Animateure sein: Es gibt einfach immer einen Anlass, zu lächeln, bestätigend zu nicken, einen kleinen Scherz zu machen. Und weil das für alle Einheimischen gilt, färbt diese freundliche Art schnell ab und man läuft selber die ganze Zeit mit einem Dauerlächeln durch die Gegend. Ist oberflächlich, klar. Erleichtert aber das gemeinsame Leben und Arbeiten.

Gleichmut
Die ambulanten Patienten warten oft 1 1/2 bis 2 Stunden, um das Untersuchungszimmer nach drei Minuten wieder zu verlassen mit einem Rezept für Nasentropfen und Lagundi (lokales pflanzliches Heilmittel). In den ersten Tagen habe ich noch mit Protest gerechnet – in Deutschland hätte es den auch gegeben. Hier nicht. Es kommt so wie es kommt. Das ist nicht aufgesetzt, das ist so. Es lässt ahnen, dass die Menschen Schlimmeres erwarten. Oder gewohnt sind.

Anfang dieser Woche verloren wir an einem Tag zwei Kinder durch Austrocknung. Die Mütter weinten sehr. Die Väter packten den Familienbesitz ein. Dann nahmen die Eltern ihr Kind und gingen. Danach war alles so, wie es vorher auch war. Niemand fragte nach, niemand wurde getröstet. Auf dem Rückweg vom Emergency Room in die Ambulanz erzählte Alfonso nebenebei, dass am Wochenende das 16jährige Mädchen mit Brechdurchfall während der Verlegung nach Maramag gestorben sei. Und nun der Nächste, bitte! Die Menschen sind dem Tode näher. Als Einzelner und als Gemeinschaft. Da kann man Gleichmut gut gebrauchen”.

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Die erste Woche in Buda ist vorüber

Dr. Cornelius Heinze berichtet in diesem Blog von seinem Einsätz für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors in Buda. Hier gibt er seine Eindrücke der ersten Woche wieder:

Dr. Cornelius Heinze im Krankenhaus

„Ruhig ist es geworden hier im Hospital. Der Einstieg allerdings klappte schnell, und zwar weil er schnell klappen musste: In der zurückliegenden Woche war das Krankenhaus in Buda zu 230 Prozent belegt. Wir hatten 41 Patienten bei 18 Betten. Alle Reservebetten waren mobilisiert, und wer keins mehr abkriegte, schlief nachts auf den Wartebänken, auf denen die Ambulanzpatienten tagsüber saßen.

Inzwischen können die Bänke in der Wartehalle bleiben. Alle fünf Typhuspatienten sind wieder gesund und die neu aufgenommenen Kinder mit Bronchitis, Magendarminfektionen und Austrocknung haben sich alle schnell erholt. Fünf Kinder konnten wir heute entlassen. Jetzt sind noch 20 Patienten auf der Station.

20 Patienten, das heißt auf den Philippinen: 40 Personen. Zu jedem Kranken gehört nämlich ein “watcher”, denn die Patienten müssen schließlich versorgt werden! Das Versorgen ist hier nicht Aufgabe der Krankenschwestern – die sind beschäftigt mit Aktenführung, Wartungs- und Organisationsarbeiten. Gut, die intravenösen Medikamente müssen vom Fachpersonal gespritzt und die oralen Medikamente verteilt werden. Und es gibt was zu essen für Patienten und „watchers“. Aber darüber hinaus ist Pflegetätigkeit nicht angesagt.

Die Pflege machen die „watcher“. Das sind in den meisten Fällen die Mütter, die tun, was sie können. Was sie können, ist aber oft abhängig vom Geld. So haben die Lumads (das ist die indigene Bevölkerung der Region, die Allerärmsten) kein Geld für Babywindeln. Zuhause ist das kein Problem, aber hier im Krankenhaus läuft das Baby mit der infektiösen Gastroenteritis halt aus. Trotzdem, das berichtete meine Vorgängerin, sei die Rate der erkennbaren nosokomialen Infektionen sehr niedrig. Möge es so bleiben.

Die „watchers sind auch verantwortlich für die kontinuierliche orale Flüssigkeitszufuhr (was meist gut klappt) und die Überwachung der Ausfuhr: Kalibang (Stuhlgang) wird bei jeder Visite mit Anzahl und Beschaffenheit gemeldet.

Die Nurses (“Nurse” bezeichnet sowohl weibliches als auch männliches Pflegepersonal) legen alle intravenösen Zugänge und machen die Blutentnahmen. Das ist Bestandteil des aus den USA übernommenen Krankenhaussystems und ich finde es ganz nett. Ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich in Zukunft gar keine Blutentnahmen mehr machen könnte. Aber solange ich hier bin, gebe ich den Teil der medizinischen Tätigkeit gern mal ab.

Kinder, denen es nach dem Aufpäppeln wieder besser geht.

Unglaublich viele Antibiotika werden hier verschrieben. Mein Ambulanzzimmer verlassen bestimmt über 50 Prozent der Kinder mit einem Rezept für Amoxicillin, Metronidazol oder Cotrimoxazol. Das ist so üblich. Die Wahrscheinlichkeit Antibiotika zu verschreiben, wächst mit der Entfernung des Wohnorts zum Highway. Und das können acht Stunden sein – nur bis zum Highway! Weiter geht es dann mit Bus oder Motorcycle, wofür oft das letzte Geld der Familie verwendet wird. Wenn Rufino mir also sagt: “Lives far away”, dann bedeutet es: eher behandeln. Wenn er sagt: “Lives very far”, dann heißt das übersetzt: Antibiotikum. Das Ergebnis sind leider viele Resistenzen. In Davao sind schon viele Typhuserreger resistent gegen Ciprofloxazin – und das ist das Antibiotikum der dritten Angriffslinie. Hier hilft es noch.“

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In Buda angekommen

Dr. Cornelius Heinze ist zurzeit im Armenhospital der Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors in Buda. Zielgruppen des Projektes in dieser medizinisch völlig unterversorgten Region sind vor allem Kinder, Schwangere und Mütter aus den umliegenden Bergdörfern. Die meisten unserer Patienten gehören zu der vernachlässigten Volksgruppe der Manobos. Ihnen eine ausreichende Gesundheitsversorgung, Vorsorge, sichere Geburt, Schulung und Gesundheitserziehung zu ermöglichen, ist unser Hauptanliegen. Hier schreibt Dr. Heinze von seinen Anreise und seinen ersten Eindrücken.

Das Hospital in Buda/ Copyright Dr. Flüthmann und Dr. Werth

„Schön hier oben, in den Wolken. Natur rundum. Und das Hospital liegt 100 m abseits der Straße, so dass man den Müll am Straßenrand weder sieht noch riecht. Hören tut man Grillen und Vögel und – in der Nacht – laute Kröten. Das Haus ist so sauber und geräumig wie beschrieben.

Fachlich bin ich heute schon komplett ins kalten Wasser gesprungen: Für die pädiatrische Übergabe hatten Sabine, meine Vorgängerin, und ich fünf Stunden Zeit, dafür fiel für uns beide die Überraschungsparty zu Sabines Abschied aus. Immerhin konnte ich Alfonso “Leaving on a jet plane” singen hören – John Denver war nicht besser. Sabine wurde heute früh um 6 Uhr von Rowen nach Davao gebracht.

Meine erste Visite war um 8 Uhr. Das Hospital ist 100% überbelegt, fast alle Patienten sind Kinder. Etliche Bronchitiden und Pneumonien, mehrere Typhuserkrankungen, eine Glomerulonephritis. Ein einziges Kind ist ohne antibiotische Behandlung. Ess wird heute entlassen. Zur evening round um 17 Uhr will ich zwei Kinder mit Atemnot und Sauerstoffbedarf noch einmal sehen.

Mit einem Wochenende zu beginnen, ist sicher keine schlechte Idee – ich lerne die stationären Patienten kennen, ohne die ambulanten Patienten zu vernachlässigen. Es wird noch interessant genug mit ihnen.

Jetzt erstmal auf zur Abendvisite, hoffentlich geht es den Schnaufern besser.

Es könnte der Eindruck entstanden sein, ich sei hier ganz allein – der muss an dieser Stelle klar und deutlich korrigiert werden!

Durch die Visiten führt freundlich und sachlich Dr. Velasco, ein “Reliever” (Aushilfsarzt). Er sagt mir zwar “You are the boss”, aber ich antworte dann “But you know the custom”. Und dann lachen wir beide.

Darel Quisil ist die junge ärztliche Leiterin hier. Sie sammelt noch Erfahrungen,  ist dabei engagiert und stets gut informiert.

Außerdem ist das Krankenhaus gut ausgestattet mit vielen Nurses, weiblich und männlich, deren Namen ich noch lernen muss und die trotzdem sehr hilfsbereit sind. Sie kennen sich ziemlich gut aus und wir können uns alle problemlos auf Englisch verständigen.

Also: Effektive Teamarbeit an diesem Wochenende. Morgen ändert sich was, da Dr. Velasco bis zum nächsten Mal das Krankenhaus verlassen wird. (Wo hängt eigentlich der Relieverkalender? Das muss ich noch herausfinden).

Dem einen Schnaufer ging es heute früh besser, dem anderen heute abend. Prednisolon sei Dank.

Morgen die ersten “Outpatients” (ambulanten Patienten), das wird schon wieder spannend“.

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